Begründung der Jury
Denn genauso, wie wenn man vor einem mit dickem Firniss und Staub überzogenen Gemälde in der British National Gallery, das Shakespeare darstellen soll, stünde und bei jedem Firniss-Wegwischen und Nähergucken erstaunt sähe, dass man auf die Malerei wie in einen Spiegel hineinschaute, der einem nichts Weiteres, aber auch nichts Tolleres, Verwegeneres zeigte als die eigenen Gesichtszüge des Betrachters – genauso verfährt die große britische Theaterschauspielerin Judy Dench (bitte, sie hat auch schon mal die Geheimdienstchefin „M“ in „James Bond“-Filmen gespielt) in ihrem Shakespeare-Buch, das sie zusammen mit ihrem Kollegen Brendan O’Hea in gescheit lockerem, höchst unterhaltsamen, dabei jede literarische Tiefe locker durchdringenden, anekdotenhübschen wie sarkasmusstark selbstironischen Dialog-Duett verfasst hat.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Gerhard Stadelmaier
Begründung der Jury
So, wie die junge Artistin Hedda im „Alkazar“, dem historischen Varieté der dreißiger Jahre
auf der Hamburger Reeperbahn, ihre Rolle voll konzentriert und fehlerfrei am Seil schwebend
im Spagat kopfunter über zwei schwarzen, nach ihr schnappenden Kaimanen meistert, so
artistisch und spannend ist dieser Roman komponiert.
In knappen Szenen wird eine Flut an Erstrebtem, Erlebtem, Erlittenem an uns heran getragen,
Verbrecherisches, Vernichtendes, Verwundetes, Inniges. Und wir, die Lesenden, verkörpern
sozusagen Heddas Tagebuch, uns vertraut sie die erschreckendsten Geschehnisse an, bittend
gar um Geheimhaltung, „schsch“ (nicht weitersagen!), als wolle sie ihre Worte gleich wieder
verscheuchen. Uns, dem Tagebuch, wird das Mörderische, Heuchlerische, Infame, alles
Lebens- und Liebenswerte Verhöhnende in atemlosen Sätzen mitgeteilt. „Die Wut hält mich
wach, sie leuchtet“ und sie verflucht den „Klumpfuß“, der sich ausgedacht hat, “was ein Mädchen ist“.
Sie wütet gegen die immer unverschämter werdenden Uniformierten, die
Nötigungen, Verhaftungen, Verhöre, Zwangssterilisationen.
Außer den Romanfiguren gibt es zahlreiche reale Personen, die in diesem Buch Nebenrollen
spielen, Idole wie Schwergewichtsboxer Max Schmeling, Tenor Enrico Caruso, Chansonette
Claire Waldoff – und neben den verhassten Funktionären namentlich erwähnte medizinisch
Verantwortliche, die später, nach Ende der Tyrannei, ungehindert weiter praktizieren konnten.
Anja Kampmann schreibt ausgezeichnete Gedichte. Vor zehn Jahren erhielt sie den
Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, im vergangenen Jahr den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis.
Ihre Prosa steht auf lyrischem Fundament. Auch das macht diesen großen Text bei allen
inhaltlichen Turbulenzen so eindringlich und flirrend.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Hanne F. Juritz
Begründung der Jury
„Bruchstücke“ – einen besseren Titel für seine mehr als ein halbes Jahrhundert umfassenden autobiografischen Skizzen, Szenen, Prosaminiaturen und Erinnerungsfragmente kann es für Hans-Joachim Schädlichs Buch nicht geben.
Aufeinander gebaut, ergeben die anlässlich seines 90. Geburtstages – an diesem 8. Oktober – herausgekommenen, insgesamt 71 „Bruchstücke“ ein einzigartiges Prosagebäude. Einzigartig, weil darin Begegnungen mit liebsamen und unliebsamen, gewonnenen und verlorengegangenen Weggefährten Platz finden, die für das getriebene, von Auswegen und Umwegen begleitete Leben des Schriftstellers Hans-Joachim Schädlich prägend waren. Es sind Dichter und Intellektuelle, die der in der DDR geborene, an der Humboldt-Universität ausgebildete, an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin einst wirksame, 1977 mit genehmigten Ausreiseantrag in die Bundesrepublik entkommene Autor des überragenden Spitzel-Romans „Tallhover“ (1986) ein Denkmal setzt wie sich selbst. Um nur einen Bruchteil zu nennen: Sarah Kirsch, Bernd Jentzsch, Jurek Becker, Jürgen Fuchs, Adolf Endler, – gleichsam eine „Wohngemeinschaft“ mit Dichtern, die sich, Entflohene wie er selbst, im vereinigten Deutschland zurechtzufinden versuchten.
„Versuchte Nähe“ (1977) heißt der erste Prosaband Schädlichs. In seiner (von Schädlich zitierten) treffenden Laudatio anlässlich der Auszeichnung mit dem Rauriser Literaturpreis 1978 sagte Marcel-Reich-Ranicki: „Er verfremdet das Leben, um es zu vergegenwärtigen. Er ist ein Chronist und ein Virtuose – beides zugleich und auf einmal.“ Das blieb Schädlich bis heute.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Dr. Hajo Steinert
Begründung der Jury
Es ist die beliebteste, natur-, umstände- und schuldgemäß nie mit einer wahren Antwort rechnende Gesellschaftsfamilienfrage der sogenannten Achtundsechziger gewesen: Papa, was hast du im Krieg gemacht?
Die Buchkünstlerin, Typographin, Schriftstellerin und Dramatikerin Roswitha Quadflieg, Jahrgang 1949, im Jahr 1968 gerade mal erwachsen geworden, Tochter eines der berühmtesten Jungschauspielers der Nazi- und eines der erlesenst tönenden Rezitatoren und mimischen Wohllaut-Virtuosen der Nachkriegstheaterzeit (Faust bei Gründgens, Hamburg, 1957!), hat sich diese Frage nie gestellt. Bis sie im Nachlass ihrer Mutter ein Tagebuch Will Quadfliegs fand, über 103 Tage vom Frühjahr 1945 bis in den Oktober 1946 hinein verfasst. Worin sie die Antworten des Hochberühmten auf ihre nie gestellte Fragen fand. Die sie nun nachholt. Nicht anklagend. Nicht verurteilend. Nicht besserwisserisch von der Nachgeborenenwarte herab. Aber auch nicht ausweichend. Nichts entschuldigend. Nichts salvierend. Sondern: einfach nur staunend. Darüber, wie jemand sich, während um ihn herum die Welt apokalyptisch explodiert, an allem sich vorbeischlängelt. Und ungerührt, unbeeindruckt von Greueln, Tod, Bomben, Leichen, Massakern und Völkermorden nur selbstgefällig um sich selbst dreht. Jede Flasche Wein, jedes weiche Bett, jede weibliche Zuwendung dankbar notiert, die er in Offizierkasinos als Zusatzgratifikation erhält, wenn er vor Wehrmachtsresten im Auftrag des bald nicht mehr existierenden Reichspropagandaministeriums Goethe, Kleist, Schiller und Hölderlin rezitiert. Aber von allem anderen „lieber schweigen will“. Und als frohgemuter, allen bösen Umständen überlegener „Kultur-Deutscher“ die Fülle des Wohllauts über die untergehende Welt breitet. Mit „Goethe als Scheuklappen“, wie seine Tochter feststellt. Ein hochambitionierter Teflon-Deutscher, an dem abperlt, was sich abspielt – Hauptsache, er spielt weiter. Zum Staunen. Zum Erschrecken.
Dieses Buch ist in seiner feinen, schonungslosen Nüchternheit und bewussten Nicht-Verurteilung eine grandiose Ausgrabung über Generationen hinweg. Man hat es zwar geahnt. Versteht es aber jetzt besser.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Gerhard Stadelmaier
Begründung der Jury
Ein Autor ist zu entdecken, eine Stimme, eine Welt. Wim Hofman, 1941 in der niederländischen Provinz Zeeland geboren, hat seinen souverän leuchtenden Stil lange ausgebildet: an der Natur, am Leben, an der Erinnerung. Eine nachdenklich in sich ruhende und musikalisch klangvolle Stimme ist das, von erstaunlicher Variationsbreite und doch immer wiedererkennbar. Als ausgebildeter Theologe und Philosoph trittsicher im Motivbestand der Tradition, zieht Hofman dennoch meist eine einfache, verständliche Bildlichkeit vor, wie sie auch seine Illustrationen prägt. Eine äußerst vielgestaltige, poetisch aufgeweitete, aber nie prätentiöse Prosa ist so entstanden, für die der Autor mit zahlreichen Preisen bedacht wurde.
Viel gelesen werden in den Niederlanden auch seine phantasievollen Kinderbücher, die den Schrecken zulassen, aber zugleich lehren, ihn mit Vorstellungskraft zu bannen. Hofmans Lyrik ist ebenfalls alles andere als hermetisch. Sie lädt die Leser ein, mit dem Dichter zu reisen: sei es in die eigene Familiengeschichte im Vlissingen der Nachkriegszeit, sei es an imposante Orte wie die Klippen des schottischen Holborn Head („Überschwänglich sind sie, kennen keine Scheu“), sei es in zeitlose Gärten voller Vögel, Fische, Krebse und Schmetterlinge. Immer hat dieser Tonvirtuose dabei das Ohr an den Muscheln: „zauberhafte aus Angst gebaute Gebilde, sichere Häuschen, Festungen, Wehrtürme, Spiraltreppen, Ohrmuscheln, in denen ein leises Rauschen zu hören ist wie in dem Glossus humanus der Herzschlang des Meeres“.
Die nun auf Deutsch erschienene, hinreißend schöne Auswahl aus dem lyrischen Werk – zweisprachig, wie es sich gehört, prächtig übersetzt von Hedwig von Bülow und mit Illustrationen des Autors versehen – bietet die hervorragende Gelegenheit, den hierzulande erstaunlicherweise unbekannten Wim Hofman endlich kennenzulernen, und das gleich auf dem Zenit seiner Kunst. „Was wir hatten und was nicht“ ist das Buch des Monats August 2025 der Darmstädter Jury.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Oliver Jungen
Begründung der Jury
Ein einsamer Mann sitzt in der Bibliothek eines abgeschiedenen nordböhmischen Schlosses und schreibt seine Erinnerungen nieder: an die Zeit, in der er sich geschickt und wagemutig in die schönsten Liebesabenteuer stürzte, vertraulich mit Königen verkehrte und immer wieder nur knapp den Nachstellungen seiner Widersacher entkam. Diese Züge trägt das gängige Bild, das wir uns von dem alten Giacomo Casanova im böhmischen Schloss Dux machen. Manches davon bestätigt Lothar Müller in seinem Sachbuch „Die Feuerschrift“, vieles entlarvt er dagegen als recht einseitige Lektüre des berühmten Memoirenwerks und setzt eine andere Perspektive dagegen.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Tilman Spreckelsen
Begründung der Jury
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Hanne F. Juritz
Begründung der Jury
Wasserscheuen und Wärmeliebenden mag es seltsam vorkommen, bei jedem Wind und Wetter Gewässer aufzusuchen und sich schwimmend hineinzubegeben. Und doch liegen Winterschwimmen und Eisbaden seit Jahren im Trend. Marion Poschmanns Langgedicht „Die Winterschwimmerin“ stellt mit Thekla allerdings eine Frau jenseits der Moden vor. Aus Theklas eisiger Badepraxis wird eine mystische, wird ein Überschreiten von Konventionen: „Die dünne Decke des zivilisierten Verhaltens gab umstandslos nach wie die erste zarte Eisschicht auf einer Pfütze im Herbst“, wird auch ein Kampf der Elemente: „Feuer und Wasser tauschen die Plätze“ – und eine Begegnung mit einem Tiger. Marion Poschmann zieht für ihre Verslegende zahlreiche literarische, philosophische und theologische Quellen heran, bedient sich souverän verschiedener lyrischer Formen, wie der Elegie oder dem Leich, einem Typus mittelalterlicher Dichtung. Wie die Streifen des Tigers lebendig dessen Fell zeichnen, wie sich Wellen im Wind auf dem Wasser kräuseln, bewegt sich die Sprache in diesem Langgedicht, das in seiner Klugheit und Gewandtheit ein echtes, zugleich profundes Lesevergnügen garantiert.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Beate Tröger
Begründung der Jury
Rolf-Dieter Brinkmann, geboren 1940 in Vechta und gestorben durch einen tragischen Verkehrsunfall 1975 in London, war ein Enfant terrible der deutschen Literatur der 1960er und 1970er Jahre. Inspiriert von der amerikanischen Underground-Lyrik der sogenannten Beat-Generation, die er als einer der ersten übersetzt und für den deutschen Buchmarkt herausgegeben hat, sprengt er alle konventionellen Gattungsbegriffe und lyrischen Taxonomien. Mit größter Reizbarkeit und Reflektivität reagieren seine oft in epischen Langzeilen arrangierten Gedichte ganz unmittelbar auf Ereignisse des Alltags, machen vor keinem noch so banal erscheinenden Gegenstand halt, um ihn in seiner singulären Würde zu zeigen, und nutzen dabei alle Stilelemente des modernen Gedichts – von kühnen Metaphern des Surrealismus bis zum Parlando des Gelegenheitsgedichts, vom hohen elegischen Ton bis zum Jargon in der Kneipe –, ergänzt immer wieder mit Referenzsystemen: Kommentare, Notizen, Fotografien. Ein Werk wie ein Steinbruch, zu groß, um jemals vollendet zu werden. Und wenn wir seiner Medienkritik folgen, die ein primärer Topos aller Texte ist, dann sind wir so nah an unserer derealisierten Realität, als hätte er sie gerade heute für uns geschrieben. Für alle Lyrikleser – Pflichtlektüre! Unbedingt zu erwähnen sind noch das Nachwort von Michael Töteberg, der zusammen mit Alexandra Vasa zeitgleich eine Biografie veröffentlich hat: „Ich gehe in ein anderes Blau“, ebenfalls bei Rowohlt in Hamburg.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e. V.“, Kurt Drawert
Begründung der Jury
Aufgewachsen als behütete Tochter eines berühmten Arztes, verheiratet mit einem aufstrebenden Aristokraten – das Leben der Christine de Pizan stand unter glänzenden Auspizien. Dann zeigte sich ihr, wie sie später festhalten sollte, die Dame Fortuna von ihrer launischen Seite. Der Vater starb, bald darauf auch der Ehemann, und die junge Mutter blieb mit ihren drei kleinen Kindern allein in Paris zurück, wo sie in langwierigen Verhandlungen darum kämpfen musste, wenigstens einen Teil des ererbten Vermögens vor den Begehrlichkeiten der Reichen und Mächtigen zu retten. Ein solches Schicksal ist sicherlich kein Einzelfall für eine Frau an der Wende vom vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert (1364 – ca. 1429). Einzigartig aber sind die farbigen, detaillierten und oft genug galligen Berichte, die sie im Rückblick von dieser Phase ihres Lebens gibt. Wieso ihr das möglich war und wie sie zu einer bedeutenden Autorin wurde, die ein umfangreiches Werk hinterließ, zeigt die Literaturwissenschaftlerin Margarete Zimmermann in einer Edition autobiographischer Texte Pizans. Und wir erfahren dabei auch, welchen Trost sie sich selbst für den Verlust ihres Mannes gibt: Wäre er am Leben geblieben, hätte sie nie die Zeit gehabt, sich studierend und schreibend zur Dichterin auszubilden.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e.V.“, Tilman Spreckelsen
Begründung der Jury
Dass das in der Weimarer Republik viel gelesene und oft aufgeführte Werk des Autors und Dramatikers Bruno Frank weitgehend vergessen scheint, das hat mit der Sprunghaftigkeit des Publikums zu tun. Dabei träfe dieser feine Stilist, der dem jüdischen Großbürgertum entstammte und auch als Lebemann Aufsehen erregte, wohl noch heute vielfach den Geschmack der Leserschaft. Bruno Franks vielleicht kraftvollste Schrift allerdings, eine vor Zorn und Abscheu vibrierende Donnerrede gegen die „Schlammexistenzen“ der nationalsozialistischen Bewegung – und gegen Adolf Hitler im Besonderen –, die konnte bislang niemand kennen, denn der im Jahr 1939 für eine Schriftenreihe von Franks engem Freund und kalifornischem Nachbarn Thomas Mann geschriebene Text blieb aufgrund des Kriegsausbruchs unveröffentlicht. Wie eine Zeitkapsel ist er auf uns gekommen, verfasst zu einer Zeit, zu der der Autor, der über die Judenpogrome und Verfolgungen genau Bescheid wusste, immer noch leise hoffen konnte, besagtes Volk befreie sich alsbald „von jener Spottgeburt aus Lüge und Rachebrunst“. Dem verdienstvollen Verlag Das kulturelle Gedächtnis ist es zu verdanken, dass diese wuchtige und zugleich glasklar analysierende Schrift, die in der infernalischen Lüge das Grundprinzip des NS-Staats ausmacht („Schwindel die ganze nationalsozialistische Firma“), nun in prächtiger Aufmachung und Kommentierung zugänglich ist. Das Buch kommt just zur rechten Zeit, denn wieder macht man mit Lügen Politik, diesmal solchen von gestohlenen Wahlen und haustierfressenden Migranten. Und so strahlen viele der 85 Jahre alten Sätze eine unheimliche Aktualität aus: „Jede Parole war ein Betrug“, heißt es. Oder auch: „Hitler selbst und seine Helfer schufen den Zustand, aus dem sie brüllend den Ausweg in ihr Drittes Reich anboten. Es war alles Lüge, die Gefahr und die Rettung.“ Diese faszinierende Wieder-, nein: Neuentdeckung aus der Feder eines unbeugsamen Moralisten ist eine Trouvaille und das Buch des Monats Februar 2025 der Darmstädter Jury. (Oliver Jungen)
Begründung der Jury
Der Schriftsteller und Drehbuchautor Vincenzo Cerami, geboren 1940 in Rom und 2013 dort verstorben, hat gemeinsam mit Roberto Benigni das Drehbuch für den Film „La vita è bella“, dt. „Das Leben ist schön“ geschrieben. Der Film, der 1997 in die Kinos kam und die Geschichte einer aus einer italienischen Kleinstadt nach Auschwitz deportierten jüdischen Familie erzählt, ist der bislang international erfolgreichste italienische Film.
Welch ein großartiger Erzähler Cerami war, zeigt nun auch Esther Hansens Neuübersetzung von Ceramis Debütroman „Un borghese piccolo piccolo“ aus dem Jahr 1976. „Ein ganz normaler Bürger“ erzählt die Geschichte des kurz vor der Rente stehenden Giovanni Vivaldi. Er möchte seinen Sohn Mario im gleichen Ministerium unterbringen, allerdings in einer höheren Position. Damit der Aufstieg gelingt, legt sich Giovanni mächtig ins Zeug, wanzt sich an seinen Vorgesetzten heran, lässt nichts unversucht. Der Plan scheint aufzugehen, doch dann geschieht ein Unglück, durch das sich ein klaffender Abgrund auftut. Indem Cerami die Handlung einbettet in die bleierne Atmosphäre im Rom der 1970er-Jahre, gewinnt das traurige Schicksal Giovannis parabelhafte Züge. Die Lakonie im Erzählton und die präzise Bildhaftigkeit der Sprache machen den schmalen Roman „Ein ganz normaler Bürger“ zu einem nachwirkenden Leseereignis.
Darmstädter Jury „Buch des Monats e.V.“, Beate Tröger












